„Haben die härteste Paywall unter allen Überregionalen“: Handelsblatt-Digital-Chef Matthes über die neue Paid-Strategie

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Klingt nach der Abkehr vom Reichweitenjournalismus
Ja. Die Zukunft gehört dem Qualitätsjournalismus. Es ist eine Zuwendung zu unseren zahlenden Leserinnen und Lesern. Inhalte, die im kostenlosen Bereich viele Klicks generieren, kommen bei digitalen Abonnenten mitunter viel schlechter an. Ein Beispiel: Unsere lange Analyse über den besorgniserregenden Schuldenstand chinesischer und amerikanischer Unternehmen kam bei den zahlenden Nutzern sehr gut an. Sie erwarten von uns etwas anderes als Royal-Wedding-Berichterstattung.

Neigt sich Ihrer Ansicht nach die Gratiskultur im Web dem Ende zu?
Beim Handelsblatt hat dieses Ende schon vor Jahren seinen Anfang genommen. Guter Journalismus hat seinen Preis – gedruckt wie digital. Es war ein Fehler, dass die gesamte Branche so lange dem Mantra gefolgt ist, dass Inhalte im Internet kostenlos sein müssen. Letztlich war die ganze Gratiskultur im Internet ein Fehler. Einige Verlage haben dadurch viel Zeit verloren.

Quelle: „Haben die härteste Paywall unter allen Überregionalen“: Handelsblatt-Digital-Chef Matthes über die neue Paid-Strategie › Meedia

„Letztlich war die ganze Gratiskultur im Internet ein Fehler. Einige Verlage haben dadurch viel Zeit verloren“, konstatiert  Matthes. Was er meint: Wir haben unglaublich viel Geld versenkt.

War es eine zeitlang Verlagen noch möglich, das defizitäre Online-Geschäft mit den Erlösen aus Print zu kompensieren (immer in der Hoffnung, dass das Online-Business irgendwann Geld abwirft), hat sich durch die steten Rückgänge im Zeitschriftenbereich die Situation inzwischen dramatisch verschärft. Verlage haben sich hier selbst ein Bein gestellt und viel zu lange geglaubt, die kostenlos angebotenen Inhalte mit Werbung finanzieren zu können.

Ein Trugschluss wie sich jetzt zeigt. Insofern ist die derzeitige Entwicklung positiv zu sehen. Nerviges Click Baiting, unsäglich Bilderstrecken die Leser zu Klickvieh degradieren, dürften zusehends der Vergangenheit angehören. Qualitativ hoch- und nutzwertige Inhalte, gerne auch als Qualitätsjournalismus bezeichnet, werden eine Renaissance erleben. Das ist nicht nur gut so, sondern rüttelt immer mehr Verlage auf:

Was Marc Walder am Mittwoch an der jährlichen Bilanzmedienkonferenz sagte, war bemerkenswert. «Digitaljournalismus ist teurer als Printjournalismus», sagte der Ringier-CEO. Was? Hatte ich richtig zugehört? Solche Worte von Marc Walder, dem wahrscheinlich umtriebigsten Digital-Apostel der Schweiz? Das erstaunt. Wenn digitaler Journalismus tatsächlich nicht günstiger ist als herkömmlicher auf Papier, könnte das auf folgende Gründe zurückzuführen sein:

Zum einen auf das gesteigerte Tempo: Durch die Verbreitung übers Internet ist Journalismus schneller geworden. Dies ermöglicht oder erfordert mehr Inhalte. Zur Erstellung sind daher mehr Ressourcen nötig als bei einer Publikation im Tages- oder Monatsrhythmus. Also braucht es mehr Personal in den Redaktionen – respektive zusätzliche Abteilungen für Online-Angebote, die meist auch an Feiertagen, am Wochenende und zu Abendzeiten nicht stillstehen.

Zum anderen ist Innovation teuer. Die Halbwertszeiten einer Website sind im Vergleich zu Printausgaben viel kleiner. Weil der technische Fortschritt rasant erfolgt, wirken Websites rasch veraltet. Sie müssen immer wieder frisch lanciert werden, sei es nun im Back- oder Frontend. Dazu kommen laufend Funktionen und Content-Management-Systeme, Storytelling- oder Datenanalyse-Tools, deren Kauf teuer ist respektive deren Eigen- oder Weiterentwicklung ebenfalls kostet. Nur mit den aktuellsten Features können multimediale Web-Reportagen produziert werden. Auch wenn sie weniger umfangreich sind, wie etwa das mit dem renommierten Henri-Nannen-Preis gekrönte Projekt «In eisigen Tiefen» vom «Tages-Anzeiger» (persoenlich.com berichtete): Solche Arbeiten sind aufwändig.

Quelle: Warum digitaler Journalismus so viel kostet – persoenlich.com